Wärmepumpe im Altbau: Nicht die Fußbodenheizung entscheidet, sondern die Vorlauftemperatur
Heizkörper schließen eine Wärmepumpe nicht aus. Feldmessungen im Bestand zeigen, worauf es ankommt: die Vorlauftemperatur, die Ihr Haus an kalten Tagen braucht — und wie Sie diese vor dem Kauf ermitteln.
Ein Satz, der in Beratungsgesprächen regelmäßig fällt: „Wir haben Heizkörper, da geht keine Wärmepumpe." Dahinter steht eine richtige Beobachtung — Wärmepumpen arbeiten umso effizienter, je niedriger die Temperatur ist, die sie bereitstellen müssen. Falsch ist die Schlussfolgerung. Ob ein Haus Heizkörper oder eine Fußbodenheizung hat, sagt wenig darüber aus, welche Vorlauftemperatur es tatsächlich braucht. Genau diese Temperatur aber entscheidet, ob eine Wärmepumpe im Bestand effizient läuft.
Nicht die Art der Heizfläche bestimmt die Eignung, sondern die Vorlauftemperatur, die das Gebäude an kalten Tagen braucht. Sie lässt sich berechnen, testen und gezielt senken.
Was zeigen Feldmessungen in Bestandsgebäuden?
Belastbare Messdaten dazu liefert das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Im Projekt „WP-QS im Bestand" (Laufzeit 12/2019 bis 12/2024) hat das Institut 77 Wärmepumpen in Ein- bis Dreifamilienhäusern unter realen Bedingungen vermessen; in die Effizienzbewertung gingen Gebäude der Baujahre 1826 bis 2001 ein. Hauptauswertezeitraum war das Jahr 2024. In diesem Jahr erreichten 49 Außenluft-Wärmepumpen Jahresarbeitszahlen von 2,6 bis 4,9, im Mittel 3,4. Die 13 Erdreich-Wärmepumpen mit Erdwärmesonden lagen zwischen 3,6 und 5,4.
Bemerkenswert ist, was die Forschenden nicht gefunden haben: einen Zusammenhang zwischen Baualter und Effizienz. Den Grund nennt das Institut selbst — über alle Baualtersperioden hinweg wurden sehr ähnliche erforderliche Temperaturen zur Raumheizung gemessen. Ausreichend dimensionierte Heizkörper ließen sich im Mittel mit ähnlich niedrigen Temperaturen betreiben wie Flächenheizungen.
Der Abschlussbericht schlüsselt das für 2024 auf. Bei 42 Anlagen mit Heizkörpern oder heizkörpergeführten Mischsystemen lag der energetisch gewichtete Mittelwert der Vorlauftemperatur in 30 Fällen zwischen 34 und 45 °C, in 12 Fällen zwischen 45 und 55 °C. Der höchste Tagesmittelwert des Jahres lag bei 27 dieser Anlagen zwischen 39 und 50 °C, bei 15 Anlagen zwischen 50 und 59 °C. Zum Vergleich: Bei den 20 Anlagen mit Flächenheizung oder flächenheizungsgeführtem Mischsystem lag der Mittelwert zwischen 29 und 41 °C.
Zur Einordnung gehören drei Einschränkungen. Der Messzeitraum war nach Angabe des Instituts vergleichsweise mild. Die vor 1977 errichteten Häuser im Messfeld sind etwas umfangreicher saniert als im Bundesdurchschnitt — bei der Fassade waren 51 Prozent nachträglich gedämmt, bundesweit (Stand 2016) 30 Prozent —, die ab 1977 gebauten dagegen bis auf eines unsaniert. Und in einigen Gebäuden waren die Heizkörper laut Betreibern bewusst großzügig dimensioniert. Die Zahlen belegen, dass es geht. Sie belegen nicht, dass es in jedem Haus geht.
Das Vorgängerprojekt „WPsmart im Bestand" kam zu einem ähnlichen Bild: Von Juli 2018 bis Juni 2019 erreichten 29 Außenluft-Wärmepumpen Jahresarbeitszahlen von 2,5 bis 3,8, im Mittel 3,1 (zwei Ausreißer nach oben nicht eingerechnet). Die maximal zur Raumheizung erforderlichen Vorlauftemperaturen lagen bei 27 Außenluft-Anlagen im Mittel bei knapp 44 °C. Das Institut wies damals auf einen Punkt hin, der in der Debatte oft untergeht: Für die Jahresbilanz zählen vor allem die Temperaturen bei Außentemperaturen knapp über null Grad, wenn am meisten geheizt wird — die seltenen sehr kalten Tage fallen kaum ins Gewicht.
Wie ermitteln Sie die nötige Vorlauftemperatur?
Ob Ihr Haus eher bei 45 oder bei 60 °C liegt, lässt sich vor der Investition klären. Drei Schritte, die aufeinander aufbauen:
- Raumweise Heizlastberechnung. Grundlage ist in Deutschland die DIN EN 12831-1 („Energetische Bewertung von Gebäuden – Verfahren zur Berechnung der Norm-Heizlast – Teil 1: Raumheizlast") in Kombination mit der nationalen Ergänzung DIN/TS 12831-1. Sie ergibt für jeden Raum, wie viel Wärme er am Auslegungstag braucht. Stellt man das der Leistung des vorhandenen Heizkörpers gegenüber, zeigt sich, welche Vorlauftemperatur jeder Raum benötigt — und welcher Heizkörper als ungünstigster die Temperatur für das ganze Haus vorgibt.
- Praxistest im Winter. Die Energieberatung der Verbraucherzentrale empfiehlt zur ersten Orientierung, an einem kalten Wintertag die Vorlauftemperatur der vorhandenen Heizung auf 55 °C zu begrenzen und alle Thermostatventile auf Stufe 3 zu stellen. Werden alle Räume warm, ist eine Wärmepumpe problemlos möglich. Bleiben einzelne Räume kalt, reicht vermutlich der Tausch dieser Heizkörper gegen größere. Bleibt es überall zu kühl, ist ohne zusätzliche Dämmung der Gebäudehülle kein wirtschaftlicher Betrieb zu erwarten.
- Gezielter Heizkörpertausch. Das Fraunhofer ISE empfiehlt, Betreiber über den selektiven Tausch einzelner Heizkörper zu beraten, und hält fest: Auslegungstemperaturen von 55 °C und deutlich weniger funktionieren nicht nur mit Flächenheizungen, sondern auch mit Heizkörpern. Ein teurer und aufwendiger Umbau auf Flächenheizung sei deshalb nicht nötig.
Der Praxistest ersetzt die Berechnung nicht, er gibt eine erste Orientierung. Er zeigt aber schnell, welche Räume genauer angesehen werden müssen — und ob über Heizkörper oder über die Gebäudehülle gesprochen werden muss.
Hydraulischer Abgleich: technisch sinnvoll, für die Förderung Pflicht
Eine niedrige Vorlauftemperatur reicht nur, wenn das Heizwasser auch dort ankommt, wo es gebraucht wird. Ist das Netz nicht abgeglichen, wird der am schlechtesten versorgte Raum schnell zum Grund, die Temperatur für alle anzuheben. Auch im Fraunhofer-Messfeld sank die Vorlauftemperatur bei rund der Hälfte der Heizkörper-Anlagen nicht unter 35 °C, obwohl übliche Heizkurven das erwarten ließen; das Institut sieht im Zusammenspiel von Wärmepumpe, Wärmespeicherung und Wärmenutzung weiteres Optimierungspotenzial.
Für die KfW-Heizungsförderung ist der Abgleich keine Kür. Die technischen FAQ zur Bundesförderung für effiziente Gebäude (Version 8.0, Stand 11/2026) sind eindeutig: Bei Gebäuden mit wassergeführtem Heizungssystem ist bei Erneuerung der Anlagentechnik ein hydraulischer Abgleich nach Verfahren B stets erforderlich. Er wird nach dem Formular der VdZ – Wirtschaftsvereinigung Gebäude und Energie durchgeführt und vom ausführenden Fachunternehmen bestätigt. Verfahren B setzt eine raumweise Heizlastberechnung nach DIN EN 12831-1 und DIN/TS 12831-1 voraus. Systeme für einen temperaturbasierten Abgleich sind förderfähig, ersetzen diese Anforderung aber nicht.
Wer die Förderung nutzt, bekommt die Heizlastberechnung aus dem ersten Schritt also nicht als Zusatzaufwand, sondern als Voraussetzung. Liegt aus früheren Jahren bereits ein Abgleich nach Verfahren B vor, dürfen die Berechnungen weiterverwendet werden, sind aber auf Aktualität zu prüfen — etwa nach einer Dämmung. Das KfW-Merkblatt 458 (Stand 09/2026) sieht vor, dass das VdZ-Formular im Nachweisprozess angefordert werden kann. Auch die Jahresarbeitszahl, die für die Förderung nachzuweisen ist, wird – wo anwendbar – nach VDI 4650 Blatt 1 mit den Bedingungen vor Ort berechnet, darunter Vor- und Rücklauftemperatur. Die Vorlauftemperatur geht also unmittelbar in den Nachweis ein.
Hochtemperatur-Wärmepumpen: Reserve, kein Auslegungsziel
Bei den Panasonic-Aquarea-Wärmepumpen, die wir installieren, nennen die Datenblätter je nach Baureihe maximale Wasseraustrittstemperaturen zwischen 60 und 75 °C:
- L-Serie (5–9 kW, Kältemittel R290): bis 75 °C bei −10 °C Außentemperatur, bis 55 °C bei −25 °C.
- M-Serie T-CAP mit 9, 12 und 16 kW: bis 75 °C bis −15 °C Außentemperatur. Bei den Modellen mit 20, 25 und 30 kW gilt die 75-°C-Angabe laut Katalogfußnote nur bei Außentemperaturen über +15 °C und taugt dort nicht als Auslegungswert.
- J-Serie (Monoblock): bis 60 °C (HP) bzw. 65 °C (T-CAP); die 65 °C gelten laut Katalog nur bei 15 K Spreizung und Außentemperaturen zwischen 5 und 20 °C.
- K-Serie (Split): bis 60 °C.
Solche Reserven sind nützlich, etwa wenn sich ein einzelner Raum nicht anpassen lässt. Sie sind aber kein Freibrief. Eine Wärmepumpe, die 75 °C liefern kann, arbeitet bei 75 °C nicht so effizient wie bei 45 °C — die Feldmessungen zeigen, dass die erforderliche Temperatur der Haupteinflussfaktor auf die Effizienz ist. Die sinnvolle Reihenfolge lautet deshalb: erst ermitteln und, wo nötig, senken, was das Haus braucht, dann das Gerät danach auswählen. Für die Auslegung zählt der Bedarf am Auslegungspunkt, nicht die Höchstangabe im Datenblatt.
Alle Angaben nach dem Stand vom 7. November 2026. Die Messergebnisse stammen aus den Veröffentlichungen des Fraunhofer ISE und beschreiben die untersuchten Anlagen, nicht jedes Gebäude; Herstellerwerte gelten laut Datenblatt für die jeweilige Baureihe. Förderbedingungen ändern sich kurzfristig; maßgeblich sind die Merkblätter und technischen FAQ der KfW zum Zeitpunkt der Antragstellung. Ein Rechtsanspruch auf Förderung besteht nicht. Eine raumweise Heizlastberechnung durch einen Fachbetrieb oder eine Energieeffizienz-Expertin bzw. einen -Experten ersetzt dieser Beitrag nicht.
Quellen
- Fraunhofer ISE — Projekt „WP-QS im Bestand": Ergebnisse 2024
- Fraunhofer ISE — Abschlussbericht „Wärmepumpen in Bestandsgebäuden" (WP-QS im Bestand), Abschnitt Vorlauftemperaturen, Datenbasis 2024
- Fraunhofer ISE — Presseinformation vom 3. November 2025: Wärmepumpen heizen auch im Altbau klimafreundlich
- Fraunhofer ISE — Presseinformation vom Juli 2020: Abschluss des Feldtests „WPsmart im Bestand"
- KfW — Liste der technischen FAQ BEG EM, Version 8.0 (11/2026), Nr. 8.03, 8.05 und 8.18
- KfW — Merkblatt Heizungsförderung für Privatpersonen (458), Stand 09/2026
- DIN — Nationale Ergänzung zur DIN EN 12831-1 und Anwendung (Mitteilung vom 20. Juli 2021)
- Verbraucherzentrale Energieberatung — Wärmepumpen (Praxistest Vorlauftemperatur)
- Panasonic — Produktkatalog Aquarea Luft/Wasser-Wärmepumpen (DE-A2W0526oP), Datenblätter L-, M-, J- und K-Serie
- Panasonic — Flyer Aquarea L-Serie
Stand: 07. November 2026. Dieser Beitrag gibt den Rechts- und Förderstand zum genannten Zeitpunkt wieder und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall.
Gilt das auch für Ihr Objekt?
Was hier allgemein steht, hängt im Einzelfall an Dach, Verbrauch und Bestand. Wir rechnen es für Sie durch — unverbindlich.
